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Trailer: Die 48. Münchner Sicherheitskonferenz


"Wir brauchen die Ideen der nächsten Generation!"

In Berlin sprach Nora Müller, Projektleiterin im Bereich Internationale Politik der Körber-Stiftung, mit Wolfgang Ischinger und Dr. Christian Pernhorst, einem der Teilnehmer am Munich Young Leaders Round Table 2011. 

 

Nora Müller (NM): Botschafter Ischinger, die 47. Münchner Sicherheitskonferenz steht vor der Tür, und an brisanten Themen mangelt es auch 2011 wahrlich nicht. Die sicherheitspolitischen „Dauerbrenner“, vor allem Afghanistan und Pakistan, nukleare Nicht-Verbreitung, Raketenabwehr und die Beziehungen zu Russland, werden auch dieses Jahr ganz oben auf der Konferenz-Agenda stehen. Bedeutet das: keine Überraschungen bei der 47. Münchner Sicherheitskonferenz? Oder haben Sie noch einige Asse im Ärmel? 

Botschafter Wolfgang Ischinger im Gespräch mit Nora Müller und Dr. Christian Pernhorst.

Botschafter Wolfgang Ischinger (WI): Überraschungen kann niemand voraussehen. Gerade erleben wir, dass aufgrund des festgefahrenen Friedensprozesses in Nahost der Termin in München auch zu einem Treffen des Nahost-Quartetts genutzt werden soll. Ich hoffe zudem sehr, dass wir im Hinblick auf eine künftige euro-atlantische Sicherheitsarchitektur auf der Konferenz die Zusammenarbeit zwischen Ost und West weiter vertiefen können. Ein brennendes Thema sind auch die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf die internationale Sicherheitspolitik und die verteidigungs- und entwicklungspolitischen Budgets. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass die USA, aber natürlich auch die Europäer über weitere kostenintensive militärische Engagements in den Krisenregionen der Welt viel zurückhaltender reden werden als bisher. Und völlig neu auf der Agenda der Sicherheitskonferenz ist das Thema Cybersecurity. Spätestens seit der Computervirus „stuxnet“ die iranische Uran-Anreicherungsanlage in Natans befallen hat, ist die Frage aktueller denn je.

NM: Herr Pernhorst, Sie werden dieses Jahr zum ersten Mal in München dabei sein – und können sich auf einiges gefasst machen, wie wir gerade von Botschafter Ischinger gehört haben. Als Munich Young Leader werden Sie gemeinsam mit über zwanzig weiteren jungen Führungskräften aus dem sicherheitspolitischen Bereich die Möglichkeit haben, am gesamten Programm der Sicherheitskonferenz teilzunehmen. Zusätzlich werden die Munich Young Leaders im kleinen Kreis mit der französischen Außenministerin Alliot-Marie, dem serbischen Außenminister Vuk Jeremić sowie mit Bundesfinanzminister Schäuble diskutieren. Mit welchen Erwartungen fahren Sie nach München?

Dr. Christian Pernhorst (CP): Es ist etwas ganz Besonderes, auf der Münchener Sicherheitskonferenz mit dabei sein zu dürfen. Ich freue mich darauf, die Diskussionen über die aktuellen sicherheitspolitischen Themen, von denen Sie und Botschafter Ischinger viele bereits genannt haben, aus allernächster Nähe verfolgen zu können. Wenn dort auf höchstem Niveau über Positionen, Wege und Strategien in der Außen- und Sicherheitspolitik debattiert wird, verspreche ich mir davon neue Perspektiven und Einsichten für meine eigene Meinungsbildung. Daneben ist die einmalige Gelegenheit hervorzuheben, mit einigen der außen- und sicherheitspolitischen Größen persönlich zu diskutieren und in dem Rahmen vielleicht auch von uns, der jüngeren Generation, aus für unsere Diskussionspartner den ein oder anderen neuen Anstoß oder neuen Blick auf ein Problem zu vermitteln. 

NM: Wenn man Weichen für die Zukunft stellen will, tut man gut daran, der jungen Generation zuzuhören. Diesen Grundsatz hatten Sie, Botschafter Ischinger, fest im Blick, als Sie vor drei Jahren gemeinsam mit der Körber-Stiftung die Munich Young Leaders gegründet haben. Auch in diesem Jahr trifft sich wieder eine international zusammengesetzte Gruppe von 25 Munich Young Leaders, um dem sicherheitspolitischen Nachwuchs in München eine Stimme zu geben. Drei Jahre Munich Young Leaders: welche Bilanz ziehen Sie, und was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

WI: Wir brauchen die innovativen Ideen der Jugend. Deshalb habe ich in Kooperation mit der Körber-Stiftung die Munich Young Leaders als Plattform für den außen- und sicherheitspoltischen Nachwuchs gegründet. Entscheidungsträger von Morgen, also junge Politiker und Diplomaten, sollen an der Münchner Sicherheitskonferenz in einer besonderen Form teilnehmen und hier ihre eigenen Netzwerke bilden können sowie mit den Entscheidern der Außen- und Sicherheitspolitik in engen Kontakt kommen. Die jungen Leute lernen die Hintergründe und Konzepte kennen, nach denen heute internationale Vereinbarungen getroffen werden. Schon in naher Zukunft werden sie es sein, die die Entscheidungen zu treffen haben, und dann werden sich auf dem internationalen politischen Parkett nicht mehr nur Fremde begegnen, sondern immer mehr Bekannte aus München. Dieses gegenseitige „Vertrauen bilden“, um nichts anderes geht es dabei, ist uns in den vergangen Jahren im Rahmen des Munich Young Leaders Round Table on Security Policy gut gelungen. Das macht das Munich Young Leaders Projekt zu einem Erfolgsprojekt und zu einer wirksamen Investition in die künftige internationale außen- und sicherheitspolitische Landschaft.

NM: Gibt es eine Begegnung mit einem Munich Young Leader, die Sie besonders beeindruckt hat?

WI: Ich kann niemand herausstellen. Die Munich Young Leaders, jeder für sich ist schon besonders. Wir haben sie zusammen mit der Körber-Stiftung ausgewählt. Sie stammen oftmals aus Gegenden in der Welt, die in den Themen der Konferenz eine Rolle spielen. Länder und Regionen, die auch in Zukunft nicht umhin kommen werden, gemeinsam Lösungen für ihre Probleme und Konflikte zu suchen. Mich beeindruckt jedes Jahr neu, wie aufgeweckt, engagiert und kenntnisreich diese jungen Leute in die Gespräche mit den hochrangigen Gästen der Konferenz hineingehen, welche Impulse sie setzen und wie mutig sie Visionen entwickeln. Im letzten Jahr waren viele Gäste der Konferenz so begeistert, dass sie sich gerne für ein bis zwei Stunden zurückzogen, um mit den jungen Menschen Gespräche zu führen. Das gefällt mir, denn so bringen sie einen frischen Wind in die Konferenz und auch in die außen- und sicherheitspolitischen Diskussionen. 

Dr. Christian Pernhorst, Referent im Bundeskanzleramt und Teilnehmer am Munich Young Leaders Round Table 2011.

NM: Sie, Herr Pernhorst, sind zur Zeit in der außenpolitischen Abteilung des  Bundeskanzleramtes tätig, haben davor an der deutschen Botschaft in Tiflis und in der Zentrale des Auswärtigen Amtes gearbeitet. Sie sind ein Profi im außenpolitischen Geschäft. Warum ist es für Sie trotzdem wichtig, sich mit den „old hands“ der Außenpolitik auszutauschen?

CP: Trotz meiner bisherigen Verwendungen im Auswärtigen Dienst betrachte ich mich doch eher als berufsjungen Diplomaten mit begrenzten Erfahrungen, der noch viel lernen will. Wenn wir als Munich Young Leaders auf der Sicherheitskonferenz die Gelegenheit haben werden, mit außen- und sicherheitspolitisch sehr erfahrenen und bekannten Politikern diskutieren zu können, ist das für die eigene Entwicklung von unschätzbarem Wert. Außen- und Sicherheitspolitik ist angesichts der zunehmenden internationalen Bedrohungen und Herausforderungen, angesichts der Globalisierung, angesichts der zahlreichen außenpolitischen Akteure und angesichts des Phänomens der supranationalen Integration zwischen Staaten ein äußerst komplexes Politikfeld geworden. Hier verspreche ich mir gerade durch den Austausch mit einigen „old hands“ Einblicke in deren Jahrzehnte alten Erfahrungsschatz und daraus dann für mich eine Hilfe für die eigene Analyse und Bewertung der komplexen außen- und sicherheitspolitischen Zusammenhänge der heutigen Zeit.

NM: Und was haben Sie als junger Diplomat von erfahreneren Kollegen gelernt, Botschafter Ischinger? Hatten Sie ein Vorbild?

WI: Ich hatte das Glück acht Jahre lang in verschiedenen Funktionen, unter anderem als persönlicher Referent für Hans-Dietrich Genscher arbeiten zu dürfen. Einen Großteil der Erfahrungen, die ich heute in den Bereichen der Außen- und Sicherheitspolitik anwende, habe ich in diesen acht Jahren gelernt: Das entscheidendste Element in der Diplomatie ist das Element des Vertrauens. Und Hans-Dietrich Genscher war gerade darin ein Vorbild. Ihn kannte jeder, ihm vertraute man. 

NM: In diesem Jahr kommen die Munich Young Leaders aus 20 Ländern, darunter Indien, Russland und Saudi-Arabien. Diese Zusammensetzung zeigt: die Welt hat sich stark verändert in den letzten zehn Jahren. Neue Akteure außerhalb des euro-atlantischen Raums gewinnen immer stärker an Einfluss. Die Zeiten, in denen Nord-Amerikaner und Europäer sicherheitspolitische Fragen unter sich ausgemacht haben, sind unweigerlich vorbei. Sie, Botschafter Ischinger, sprechen sogar von einer unübersehbaren Krise des Westens. Was bedeuten diese Veränderungen für die Sicherheitskonferenz?

WI: Es gibt Themenverschiebungen und neue Themenfelder. Sicherheitspolitik findet heute in viel komplexeren Umfeldern statt, als bisher. Neben den klassischen militärischen Argumentationen kommen wirtschaftliche, ökologische, religiöse Faktoren ins Spiel, die politische Ziele beeinflussen. Staaten wie Indien, China und andere gewinnen allein aus demographischen Gründen an Macht. Eine neue Kategorie von Konfliktpotential bildet zudem die Bedrohung eines „Cyberwar“. Die Sicherheitskonferenz will hier Impulse geben für ein verbindliches Regelwerk im Umgang mit dieser neuen Art von Konflikten. Die Akteure der Sicherheitspolitik sind nicht mehr nur Staaten oder politische Organisationen, sondern auch Informationsplattformen im Internet, Interessengruppen, ja sogar Einzelpersonen, die wiederum mit Information in Konflikt mit anderen treten und viel Unheil anrichten können. Auch die alten Akteure selbst verändern sich. Die Finanzkrise hat gezeigt: Die Macht von Staaten definiert sich zunehmend weniger über militärische Präsenz, denn über wirtschaftliche Kraft und deren Verflechtung, über Forschungs- und Entwicklungsstand, ja über Lebensstandard und Lebensqualität. Darum versuchen wir gerade die auch ökonomische, ökologische, und andere Gesichtspunkte in die Konferenz mit einzubringen. Sicherheit müssen wir daher komplexer denken als bisher. 

Nora Müller, Projektleiterin der Munich Young Leaders

NM: Nicht nur die Akteure, sondern auch die Herausforderungen im 21. Jahrhundert haben sich verändert. Neben den konventionellen Sicherheitsbedrohungen gibt es neue Gefahren, wie Sie, Botschafter Ischinger, bereits erwähnt haben: Staatszerfall, Terrorismus, Cyber War, Klimawandel, Ressourcenknappheit. Zudem ist noch gar nicht absehbar, wie sich die internationale Finanzkrise auf den sicherheitspolitischen Bereich auswirken wird. Bei der Bewältigung dieser Risiken kommt es vor allem auch auf die junge Generation an. Herr Pernhorst, Sie gehören zu dieser Generation. Welche Impulse erhoffen Sie sich dafür von den Munich Young Leaders

CP: Vor vielen der genannten neuen Gefahren, aber auch vor den meisten konventionellen Sicherheitsbedrohungen ist heutzutage ein wirksamer Schutz nur dann möglich, wenn möglichst viele Staaten zusammenarbeiten. Nehmen Sie z. B. den Klimawandel, die Ressourcenknappheit oder den Terrorismus. Ein einzelner Staat wird hier sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Zusammenarbeit setzt aber zunächst eine einheitliche Analyse der Bedrohungssituation voraus, von der ausgehend Maßnahmen zur Bewältigung ausgearbeitet werden. Das erfordert einen offenen, ehrlichen und regelmäßigen Informations- und Meinungsaustausch zwischen Außen- und Sicherheitspolitikern aus den unterschiedlichsten Ländern. Genau das ermöglicht das Format Munich Young Leaders für die jüngere Generation. Hier können Kontakte zwischen potentiellen zukünftigen Entscheidungs- und Verantwortungsträgern aufgebaut werden, die vielleicht dabei helfen werden, schneller und einfacher gemeinsame Vorstellungen über die Sicherheitsbedrohungen der Zukunft und über Maßnahmen zu deren Bewältigung zu entwickeln.

NM: Botschafter Ischinger, wie kaum ein anderer deutscher Diplomat haben Sie deutsche Außen- und Sicherheitspolitik in den letzten drei Jahrzehnten mitgestaltet. Welche Ratschläge geben Sie den Munich Young Leaders mit auf den Weg?

WI: Nutzen Sie die Gelegenheit, eigene Netzwerke aufzubauen. Vieles im politischen Geschäft ist abhängig von persönlichem Vertrauen zwischen den Verhandlungspartnern. Haben Sie Visionen! Trauen Sie sich, das noch nicht Gedachte zu denken und zu realisieren! Setzen Sie aber auch auf Ideen, die Politiker früher vielleicht noch verwerfen mussten, weil die politischen und persönlichen Konstellationen andere waren. Die junge Generation hat die Chance, Wege zu gehen, die vor Jahrzehnten noch nicht gegangen werden konnten. Nutzen Sie jede Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit den Entscheidern aus der internationalen Außen- und Sicherheitspolitik. Und fordern Sie mit Ihrem Gestaltungswillen Ihre Chefs heraus!

NM: Ganz im Geist der Munich Young Leaders hat heute die junge Generation das letzte Wort. Herr Pernhorst, die Munich Young Leaders sollen mehr sein als „nur“ spannende Diskussionen während der Sicherheitskonferenz. Was kann das Netzwerk der Munich Young Leaders über die Konferenz hinaus zum sicherheitspolitischen Diskurs beitragen?

CP: Die in München gewonnenen neuen Eindrücke, Erfahrungen und Einblicke wird natürlich ein jeder von uns mit in seine berufliche Funktion nehmen und in den dort zu führenden sicherheitspolitischen Diskurs einbringen. Daneben kann ich mir aber auch vorstellen, dass sich das entstandene Netzwerk der Munich Young Leaders über die Sicherheitskonferenz hinaus als lebendiges, informelles Diskussions- und Austauschforum erhält und als solches die internationale sicherheitspolitische Diskussion bereichert.

NM: Botschafter Ischinger, Herr Pernhorst, ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen eine erfolgreiche und spannende Sicherheitskonferenz!

 

Botschafter Wolfgang Ischinger ist Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz. Dr. Christian Pernhorst ist Referent im Bundeskanzleramt. Nora Müller ist Projektleiterin der Munich Young Leaders im Bereich Internationale Politik der Körber-Stiftung. Bei den Munich Young Leaders handelt es sich um eine gemeinsame Initiative der Körber-Stiftung und der Münchner Sicherheitskonferenz. Weitere Informationen zu den Munich Young Leaders finden Sie auf den Seiten der Körber-Stiftung. 

www.munich-young-leaders.org