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15.07.2010
Public Diplomacy im Kleinen
Wolfgang Ischinger besucht mit Schülergruppe aus dem Kosovo die Bundeshauptstadt

Botschafter Wolfgang Ischinger mit Kosovos Botschafter Dr. Vilson Mirdita und den Gästen der Florian-Ischinger-Schule aus Sllatina. Foto: Oliver Rolofs
Es muss nicht immer die große internationale Politik sein, die einen Beitrag zum Dialog und zur Völkerverständigung leistet. Das stellte Botschafter Wolfgang Ischinger erst jüngst unter Beweis. Auf seine Einladung besuchte eine Schülergruppe aus dem Kosovo für eine Woche Berlin.
Häufig sieht man Ischinger, der seit 2008 die Münchner Sicherheitskonferenz leitet, mit hochrangingen internationalen Politikern auf einer Vielzahl von Konferenzen und Tagungen. Selten erlebt man ihn jedoch, wie vor wenigen Tagen, umringt von staunenden Schulkindern aus dem Kosovo im Berliner Zoo, einige Meter von der jungen Elefantendame Shaina Pali entfernt. Die zwischen 11 und 15 Jahre alten Schüler kannten so große Tiere bislang nur aus dem Schulbuch, große Gebäude wie den Fernsehturm am Alexanderplatz, der vorher besucht wurde, vielleicht noch aus dem Fernsehen. All das gibt es in ihrer Heimat nicht, denn die Kinder stammen aus einem kleinen 200-Seelendorf namens Sllatina im Süden des Kosovo und waren schier überwältigt von den Erlebnissen der Großstadt Berlin in die Wolfgang Ischinger geladen hatte.
Ein Schulprojekt der Familie Ischinger
Der 64jährige Spitzendiplomat tauschte für wenige Tage seine tägliche Arbeit in der internationalen Politik ein, um ein besonders Besuchsprogramm zu begleiten. Die Gäste waren keine gewöhnlichen. Sie sind die Zukunft der noch jungen Republik Kosovo, die sich 2008 für unabhängig erklärte. Und sie sind Schüler der Florian-Ischinger-Schule, die von der Familie Ischinger seit dem Jahr 2000 aktiv unterstützt wird. Die in der Gemeinde Kacanik liegende Grundschule wurde während des Kosovo-Krieges 1999 zerstört und, einem Wunsch des 2000 verstorbenen ältesten Sohnes Florian entsprechend, mit privaten Mitteln der Familie wieder aufgebaut. In Kooperation mit der Hilfsorganisation „Cap Anamur“ und tatkräftiger Hilfe vieler Freiwilliger, einschliesslich im Kosovo stationierter Botschaftsangehöriger und Bundeswehr-soldaten, konnte die Dorfschule in Sllatina wiederhergestellt werden. Sie ermöglicht seitdem wieder einen regelmäßigen Schulbetrieb. Nach dem Willen der Bewohner des Dorfes trägt die Schule seit 2003 den Namen Florian-Ischinger-Schule. „Vor allem in einer guten Ausbildung liegt der Schlüssel für Frieden, Stabilität und Wohlstand, sowohl im Kosovo als auch in der gesamten Balkan- Region“, sagt Ischinger. Er kennt sich aus in dem konfliktträchtigen Landstrich. 2007 spielte er als Repräsentant der Europäischen Union in den Troika-Verhandlungen über den Status des Kosovo eine wichtige Rolle.
Kosovo und Westbalkan gehören zu Europa
Nun konnte der Botschafter, der nach wie vor regelmäßig die Region besucht, mit dem Besuch der Florian-Ischinger- Schule in Berlin ein von ihm gegebenes Versprechen einlösen, eine Gruppe von Schülern sowie Lehrern der Schule nach Deutschland einzuladen. Mithilfe der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa, des kosovarisch-deutschen Vereins Dorajonë, der Botschaft der Republik Kosovo sowie dem Auswärtigen Amt und der Fluggesellschaft Germanwings, konnte ein umfangreiches Besuchsprogramm, das über Stadttouren, einem Schulbesuch bis zur Besichtigung einer Naturschutzstation führte, ermöglicht werden. Für ihn sei es wichtig, so zum kulturellen Austausch zwischen Deutschland und dem Kosovo beizutragen. „Aufgrund der Visa-Restriktionen der Europäischen Union ist das jedoch nach wie vor schwer“, bemängelte Ischinger. Hier müsse man Erleichterungen schaffen, denn der Kosovo sowie der gesamte Westbalkan gehören doch genauso zu Europa wie unsere direkten Nachbarländer. Ganz anders als in Ischingers Tagesgeschäft im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz sucht er daher neue Wege, um diesem Ziel näher zu kommen. Nicht auf der hohen politischen Ebene, sondern im Kleinen, im Persönlichen, um einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. Ischinger nennt das „Public Diplomacy im Kleinen“ und hofft auf Nachahmung – ein kleines Bergdorf im Kosovo kann hierfür der Anfang sein.
Lesen Sie auch den Beitrag der Deutschen Welle und der Berliner Zeitung über den Besuch der Florian-Ischinger Schule in Berlin.
