Cyber Security Summit 2014

 

Neue Dimensionen des Krieges

von Oliver Rolofs

 

Zum dritten Mal richteten die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) und die Deutsche Telekom am 3. November 2014 den Cyber Security Summit in Bonn aus. Auf der diesjährigen Gipfelagenda standen die Spannungsfelder zwischen Sicherheitsinteressen, Datenschutz und Überwachung im Cyberraum sowie zwischen Cyberkriminalität und technischen Schutzmaßnahmen.

 

Rund 180 hochrangige Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft folgten der Einladung von Botschafter Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), und Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, um in der früheren Bundeshauptstadt Wege zum Aufbau einer vernetzten digitalen Gefahrenabwehr zu diskutieren. Wie groß der Handlungsbedarf für einen umfassenden Schutz gegen die Bedrohungen aus dem Cyberraum ist, machen die aktuellen Entwicklungen und Zahlen klar. 

 

"Die Bedrohung für die Sicherheit unserer Daten und unserer digitalen Infrastrukturen wächst von Jahr zu Jahr", erklärte Timotheus Höttges in seiner Eröffnungsrede. Eine Million Mal täglich werde allein das Netz der deutschen Telekom angegriffen. Neun von zehn deutschen Firmen hätten 2014 Angriffe von außen registriert, zitierte Höttges aus dem jüngsten Telekom-Report zur Cyber-Kriminalität.

 

Und: Weltweit summiere sich der jährliche Schaden durch Cyberkriminalität mittlerweile auf 575 Milliarden US-Dollar, sagte der Telekom-Chef unter Berufung auf das unabhängige Center for Strategic and International Studies (CSIS). Die geopolitische Dimension dieser neuen Gefahrenlage unterstrich Wolfgang Ischinger. Mit Blick auf die Ukraine sagte er: "Der Krieg ist als Mittel der Politik nach Europa zurückgekehrt. Eine seiner Dimensionen ist der Cyberspace." Der MSC-Vorsitzende mahnte den Schutz wichtiger Infrastruktur gegen digitale Attacken an. Cyberangriffe, "rücken auf der sicherheitspolitischen Prioritätenlisten ganz nach oben", sagte Ischinger. Er warnte ebenfalls davor, die Gefahr terroristischer Cyberangriffe zu unterschätzen. Gruppen wie der Islamische Staat (IS) "rücken nicht nur auf dem Boden vor".

 

Der beigeordnete Nato-Generalsekretär Sorin Ducaru, verantwortlich für die neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen des Verteidigungsbündnisses, sprach von einer ganz "neuen Form der Kriegsführung", auf die sich das Militärbündnis einstellen müsse. Er bezog sich dabei auf eine immer geschicktere Manipulation von Informationen, die auch über soziale Netzwerke verbreitet werden. Die Nato sei auch hier für Verteidigung zuständig. Telekom-Chef Höttges hatte sich zuvor für "eine Art Nato der Datensicherheit" ausgesprochen. Der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mahnte an, dass es bislang an Institutionen fehle, die aufstrebende IT-Nationen wie China oder Indien überhaupt einbindet. Besorgniserregend nannte zu Guttenberg den "Übergang von Government zu Googlement" und hier die Tatsache, dass private Unternehmen wie Google mittlerweile einen enormen Technik- und Wissensvorsprung gegenüber dem Staat haben, um in Erfahrung zu bringen, welche Aktivitäten Millionen Menschen im Netz entfalten. Angesprochen auf die Entwicklung der Cyberkriegsführung bezweifelte er, dass die Konflikte der Zukunft überhaupt mit den Mitteln der Vergangenheit gelöst werden könnten. Völkerrechtliche Rahmenwerke wie die Genfer Konventionen seien in dieser Hinsicht vollkommen veraltet. Darüber hinaus dürfe man sich nicht nur allein auf Verteidigungsstrategien beschränken. Genauso hielt er eine Abschreckungskomponente im Cyberspace für "unverzichtbar". Hier widersprach ihm der amerikanische Rechtsanwalt Ben Wizner, der Edward Snowden nach seinen Enthüllungen über die amerikanisch-britischen Massenüberwachungsprogrammen juristisch vertritt. Bereits die heutigen Aktivitäten westlicher Regierungen und ihrer Geheimdienste hätten gezeigt, dass sie kontraproduktiv sind: "Die NSA hat die Internetsicherheit geschwächt, indem sie Sicherheitslücken ausnutzte, statt sie zu melden." Es sei aber sinnvoller, das eigene Stromnetz zu schützen, als einen Angriff auf das chinesische Stromnetz zu planen, so Wizner.

 

Snowdens Aufdeckungen haben nicht nur eine neue Sicherheitsproblematik im Cyberraum offenbart, sondern auch zu einem wachsenden Verlust an Vertrauen in die Sicherheit digitaler Kommunikation und nicht zuletzt in die transatlantischen Beziehungen geführt. Dies wurde in Bonn erneut deutlich. Hätte man dann schon gewusst, dass rund zwei Wochen später die Reform der US-Geheimdienste durch den USA Freedom Act im US-Senat scheiterte, wäre die Debatte hierzu auf dem Cyber Security Summit sicherlich noch intensiver gewesen.

 

Voraussetzung für das Wachstum mit digitalen Dienstleistungen seien Vertrauen, Datensicherheit und Datenschutz, mahnte schließlich die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Brigitte Zypries. Mit Blick auf das sogenannte "Internet der Dinge" und die wachsende Vernetzung von Produktionsprozessen durch die "Industrie 4.0" fasste die ehemalige Bundesjustizministerin die heutigen Herausforderungen zusammen: "In einer Welt, in der jede Stellschraube 'smart' ist, steigt das Sicherheitsrisiko."

 

Insgesamt erfordere die heutige Sicherheitslage die Notwendigkeit eines Zusammenspiels der verschiedenen Akteure, so Zypries. Diesen Punkt unterstrich auch Ischinger: "Ohne eine enge Zusammenarbeit mit Industrie und Forschung werden die Regierungen dieser Herausforderung nicht gewachsen sein".

 

Damit adressierten beide ein wesentliches Problem, das Staaten und Unternehmen gleichermaßen betrifft: Bis heute fehlt auf nationaler und internationaler Ebene eine einheitliche Cybersicherheitsstrategie. Doch auch in Bonn schien einmal mehr fraglich, ob es gelingt, sich international zu koordinieren und auf einen gemeinsamen Plan für einen sicheren Cyberraum zu verständigen. Bislang überwiegt das Gegenteil: Rund 140 Staaten gehen beim Kampf gegen die Bedrohungen aus dem Cyberraum nach ganz eigenen Interessen vor. Das wurde durch den anwesenden Cyber-Koordinator im US-Außenministerium, Christopher Painter, unterstrichen. Aus seiner Sicht helfe koordiniertes Vorgehen wenig. Abstimmungsprozesse seien viel zu aufwendig, würden Jahre dauern und wenig bringen. Die Debatte auf dem diesjährigen Cyber Security Summit macht schließlich deutlich, dass man weiter am Anfang einer großen Entwicklung steht und für einen sicheren Cyberraum noch ein langer Weg zu gehen ist. Dabei ist die internationale Zusammenarbeit für mehr Cyber- und Datensicherheit alternativlos, denn die wachsenden digitalen Gefahren und der schwindende Vertrauensverlust in das Internet entwickeln sich immer mehr zu einem Wettlauf gegen die Zeit.