Monthly Mind April 2016: "Europa, Afrika und die dschihadistische Bedrohung"

"Unser südlicher Nachbarkontinent droht zur gefährlichsten Front im Kampf gegen den Terror zu werden. Und das ist mitnichten nur ein afrikanisches Problem", schreibt Wolfgang Ischinger in unserer neuesten "Monthly Mind" Kolumne anlässlich des MSC Core Group Meetings in Addis Abeba.

W. Ischinger (Mitte), gemeinsam mit dem äthiopischen Außenminister T. Ghebreyesus (links) und dem ehem. nigerianischen Präsidenten und Vorsitzenden des Tana-Forums O. Obasanjo (Photo: MSC / Kuhlmann).

Fragt man nach der Terrororganisation, die weltweit für die meisten Toten verantwortlich ist, denken wohl die meisten zunächst an den Islamischen Staat. Die meisten Opfer forderte jedoch eine Organisation aus Afrika: Boko Haram. Und diese Gruppe, die sich mittlerweile offiziell mit dem IS verbündet hat und weite Teile Nigerias, Kameruns, Nigers und des Tschads heimsucht, ist nicht die einzige Organisation, die Afrika in den Fokus rückt. In nur zwei Jahren, zwischen 2013 und 2015, hat sich die Zahl afrikanischer Terroropfer gar mehr als verdreifacht.

 

Im Norden des Kontinents, in Libyen, entwickelt sich eine neue Basis des Islamischen Staates (IS), der in seinem Kerngebiet in Syrien und im Irak zuletzt empfindliche Gebietsverluste hinnehmen musste. In Ostafrika operiert Al Shabaab nach wie vor erfolgreich. Und auch Al Qaeda hat, zuletzt mit den Anschlägen in der Elfenbeinküste, im dschihadistischen Wettbewerb um Öffentlichkeit und Rekruten wieder aufgerüstet. Auch an vielen anderen Orten wachsen und gedeihen dschihadistische Strukturen. Unser südlicher Nachbarkontinent droht zur gefährlichsten Front im Kampf gegen den Terror zu werden. Und das ist mitnichten nur ein afrikanisches Problem.

 

Es soll hier nicht darum gehen, das alte, überholte Bild von Afrika als Krisenkontinent wiederzubeleben. Afrika wird heute zu Recht bei weitem nicht mehr nur als Hort von Krisen und Armut wahrgenommen. Viele Staaten haben enorme Fortschritte gemacht und zeichnen sich durch ein hohes wirtschaftliches Wachstum, eine rapide wachsende Mittelschicht und große Fortschritte im Kampf gegen Armut, Kindersterblichkeit und Infektionskrankheiten aus.

 

Gleichzeitig sind diese Fortschritte massiv gefährdet, durch teils noch immer währende, teils neue Herausforderungen. Es ist höchste Zeit, diese Gefahren deutlich zu benennen – und daraus auch ein entsprechend höheres europäisches Engagement abzuleiten. Wir laufen Gefahr, den akuten Krisen hinterherzulaufen und die großen strukturellen Fragen zu vergessen. Deswegen bringt die Münchner Sicherheitskonferenz am 14. und 15. April Führungspersönlichkeiten aus Europa und Afrika in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba zusammen, um nach gemeinsamen Antworten auf die zentralen Zukunftsfragen zu suchen.

 

Eine der größten Fragen ist die nach dem richtigen Umgang mit Afrikas Bevölkerungsboom: Nach UN-Projektionen wird sich die Bevölkerung Afrikas allein in den nächsten 35 Jahren mehr als verdoppeln, von 1,19 Milliarden Menschen auf 2,48 Milliarden. Im Niger beispielsweise liegt das mittlere Alter bei unglaublich niedrigen 15,2 Jahren, in Mali bei 16,1. Beide Staaten haben sich zuletzt besonders anfällig für dschihadistischen Terror gezeigt.

 

Hier wird bereits eine der zentralen Gefahren deutlich, die dieses Wachstum birgt: Gelingt es den Staaten, ihre Infrastrukturen und Institutionen auf diesen massiven Bevölkerungszuwachs vorzubereiten – vor allem die Gesundheits- und Bildungssysteme – und den Menschen Perspektiven zu bieten, werden viele Gesellschaften in Afrika zu den dynamischsten der nächsten Jahrzehnte gehören. Gelingt es ihnen jedoch nicht, drohen beschleunigter, weitverbreiteter Staatszerfall und die Ausgrenzung, Verarmung und womöglich die Radikalisierung von hunderten von Millionen Menschen.

 

Ein solches Szenario wäre nicht nur für die unmittelbar betroffenen Menschen und Gesellschaften eine Katastrophe. Der massive Bevölkerungszuwachs würde höchstwahrscheinlich auch zu neuen Flüchtlingsströmen nach Norden führen, die die heutigen Zahlen vergleichsweise niedrig erscheinen lassen. Und er würde fruchtbaren neuen Nährboden für die Rekrutierung vieler Tausender Dschihadisten schaffen.

 

Schon jetzt sind Unordnung und Instabilität in Regionen mit schwacher Staatlichkeit einer der wichtigsten  Gründe für die dschihadistischen Erfolge in Afrika. Besonders deutlich zeigt sich dies beim Blick nach Libyen, das sich über die vergangenen Monate zur neuen Hochburg des IS entwickelt hat. Die Gebietsverluste in Syrien und im Irak sollten also keinesfalls als erstes Zeichen für dessen Niedergang interpretiert werden. Ganz im Gegenteil: Der IS und andere Gruppierungen suchen sich – gewissermaßen wie ein Virus, der neue Wirte befällt – immer wieder neue Gebiete, deren Bedingungen die Ausbreitung ihrer Ideologie und Schreckensherrschaft begünstigen. Dabei nutzen sie auch die Frustration und Unzufriedenheit marginalisierter Gesellschaftsgruppen für ihre Zwecke. Während Al-Qaida oder der IS immer wieder auch Anschläge im Westen planen und dabei globale Ziele verfolgen, sind ihre Wurzeln und ihr Gefahrenpotenzial also vor allem lokal zu verorten. Hier muss daher unser Fokus liegen: Durch lokal angepasste Strategien schwache, anfällige Staaten schützen und so die Bedingungen schaffen, um Erfolge dschihadistischer Gruppierungen zu verhindern. Der Aufbau stärkerer staatlicher Strukturen, insbesondere im Angesicht des kommenden Bevölkerungsbooms in Afrika, ist also die beste langfristig angelegte Anti-Terror-Politik.

 

Dies kann nicht heißen, die militärische Komponente außen vor zu lassen. Im Gegenteil, jede erfolgreiche Strategie muss auf mehreren Pfeilern aufbauen. Dazu zählen militärische Maßnahmen genauso wie verbesserte Geheimdienstarbeit, beispielsweise durch verstärkten Informationsaustausch.  Doch jenseits ihrer territorialen Präsenz und ihres globalen Anhängernetzwerks haben Gruppen wie der IS auch digital eine bisher ungekannte Präsenz. Von sozialen Medien, über private Chatrooms bis hin zu verschlüsselten Nachrichtensystemen, die Terrornetzwerke nutzen eine zunehmend vernetzte Welt gekonnt für ihre Propaganda und Nachwuchsrekrutierung. Nur eine Strategie, die dschihadistische Gruppierungen sowohl auf dem physischen, als auch dem digitalen Schlachtfeld zurückdrängt, und dabei gleichzeitig die Wurzeln ihres Erfolgs bekämpft, indem sie friedliche Entwicklungsperspektiven aufzeigt, hat daher langfristig Chancen auf Erfolg.

 

Andernfalls bleibt Libyen nur einer von vielen Fällen, im Rahmen derer wir die Stabilitätsrisiken viel zu lange unterschätzt haben – mit fatalen Konsequenzen, wie wir heute sehen. Eigentlich sind sich die Europäer einig, dass es besser ist, frühzeitig und präventiv mit zivilen und, wenn nötig, auch mit militärischen Mitteln zu handeln, um Schlimmeres zu verhindern. In Afrika können sie jetzt beweisen, dass es ihnen ernst damit ist.

 

Wolfgang Ischinger ist Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz und lehrt an der Hertie School of Governance in Berlin. Eine leicht abgeänderte Version dieses Artikels erschien am 14. April 2016 in der Süddeutschen Zeitung anlässlich des MSC Core Group Meetings in Addis Abeba.

14. April 2016, von Wolfgang Ischinger

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