Monthly Mind Februar 2015: "Der Nebel der Unordnung"

Welche bevorstehende Bedrohung für Frieden und Sicherheit übersieht die Welt im Moment? Nach einem wahrhaft schrecklichen Jahr für den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit ist diese Frage derzeit für die internationale "strategic community" von besonders großer Bedeutung.

Nebel der Unordnung? Der Konferenzsaal im Hotel Bayerischer Hof (Photo: Kuhlmann).

Schon vor einem Jahr waren der Krieg in Syrien und die Ukrainekrise bereits die Herausforderungen, die die Tagesordnung der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) bestimmten. Aber viele Teilnehmer der letzten MSC würden heute wohl zugeben, dass sie unterschätzt haben, wie schwerwiegend die Ereignisse waren - ganz davon zu schweigen, wie schwerwiegend sie sich weiterentwickeln würden.

 

Denn nur wenige Monate nach der Konferenz - nach der rapiden Eskalation und Regionalisierung beider Krisen und anderen Entwicklungen - attestierten viele Beobachter, dass 2014 den Beginn einer weniger friedlichen, chaotischeren Ära in den internationalen Beziehungen darstelle.


Tatsächlich haben sich im vergangenen Jahr viele Schwächen und Zerfallserscheinungen in Strukturen der kollektiven Sicherheit gezeigt. Deshalb finden Begriffe wie "The Great Unravelling", das "aus den Fugen geraten", wie es der amerikanische Journalist Roger Cohen formuliert hat, einen solch großen Widerhall: Sie erfassen das Gefühl von Hilflosigkeit, Kontrollverlust und mangelnder Prognosefähigkeit, das viele Köpfe in der "strategic community" umtreibt. Der ehemalige NATO-Generalsekretär und EU-Außenbeauftragte Javier Solana beschrieb das vor kurzem so: "Wir haben in einer Illusion gelebt. Jahrelang hat die Welt gedacht, dass der Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Welt friedlich, ordentlich und stetig sein würde. [...] Wie sehr wir uns getäuscht haben."


Diese Illusion ging einher mit einem Mangel an Vorstellungskraft. Die Welt kann sich beides nicht leisten. Viele Dinge, die der Vergangenheit anzugehören schienen, sind es leider nicht. Es mag gut klingen, von der richtigen und falschen Seite der Geschichte oder von Methoden des 19. Jahrhundert im 21. Jahrhundert zu sprechen, aber solche Argumente sind wenig mehr als Rhetorik. Im besten Fall schaden diese Floskeln nicht, aber im schlimmsten Fall können sie die Komplexitäten des heutigen Sicherheitsumfelds, die es zu verstehen und anzugehen gilt, verschleiern.


Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. Fundamentale Prinzipien der paneuropäischen Sicherheit sind ihm zum Opfer gefallen. Das gleiche könnte dem gesamten Fortschritt blühen, den der Westen und Russland in ihren Beziehungen seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes gemacht haben. Die Situation in der arabischen Welt ist so instabil und gewaltsam wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Region wird in Zukunft eher weiter zerfallen, während dschihadistische Gruppen, die untereinander im Wettbewerb stehen und neue Energie geschöpft haben, ihren Hass zunehmend wieder auf den Westen richten. Und im Pazifik bleibt die geopolitische Lage prekär, auch wenn größere Zwischenfälle bislang vermieden wurden.


Leider werden sich die Risse in der internationalen Ordnung, die in den vergangenen Monaten freigelegt wurden, in Zukunft voraussichtlich weiter vergrößern. Und auch die politischen Auseinandersetzungen und Rivalitäten zwischen den wichtigsten Akteuren werden sich zunehmend verstärken. Wenn wir in zehn Jahren auf 2014 zurückblicken, werden die Ereignisse der letzten Monate wahrscheinlich wie ein Vorspiel aussehen. Denn während die internationale und regionale Ordnungen immer mehr unter Druck stehen und ihre Grenzen getestet werden, ist immer weniger klar, wer in der Lage oder willens ist, diese Ordnungen zu stützen und aufrechtzuerhalten.


Viele Sorgen, dass die USA ihre globale Führungsrolle aufgeben könnten, sind sicherlich übertrieben. Aber zumindest hat die Ankündigung von Präsident Obama, dass sich die USA vor allem auf "nation-building zu Hause" konzentrieren sollten, vielen Verbündeten Sorgen bereitet - und die Wahrnehmung verstärkt, die USA könnten ihr globales Engagement reduzieren.


In Europa sind indes viele Länder weiterhin dabei, die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008, paralysierte politische Systeme und eine wachsende Europaskepsis zu überwinden. Daher wird eine globale Rolle eines vereinten Europas, so viel Potenzial sie langfristig auch haben mag, in nächster Zeit kaum ausbuchstabiert werden.


Ähnliches gilt für Deutschland. Im Verlauf des letzten Jahres ist eine aktivere deutsche internationale Rolle intensiv debattiert worden, aber die deutsche Öffentlichkeit gewöhnt sich nur langsam an die gestiegenen Erwartungen, die unsere Partner an Deutschland haben. Während manche Umfragen suggerieren, dass die sogenannte "Kultur der Zurückhaltung" nicht so weit verbreitet ist wie allgemein angenommen, zeigt nun eine neue Befragung für den Munich Security Report, dass nur 34% der Deutschen der Meinung sind, dass Deutschland sich stärker bei internationalen Krisen engagieren sollte. Eine Mehrheit der Deutschen steht einer aktiveren deutschen Rolle also eher skeptisch gegenüber.


Nun können natürlich nicht alle zerfallenden Ordnungen auf die Innenpolitik in manchen Ländern, wirtschaftliche Schwäche oder Machtverschiebungen zwischen den großen Staaten zurückgeführt werden. Auch die Anzahl an relevanten Akteuren und möglichen Störfaktoren ist in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen, was es den Staaten besonders schwer macht, allein oder in Zusammenarbeit mit anderen Probleme zu lösen.


Aber genauso wahr ist, dass zerfallende Ordnungen sowohl eine Ursache als auch ein Effekt der Zurückhaltung traditioneller und potentieller Ordnungsmächte sind. Wenn mögliche Führungsmächte nicht mehr wie zuvor Verantwortung übernehmen oder weniger tun, als eine bestimmte Situation erfordert, testen andere Akteure Grenzen und Freiräume. Und wenn dann Ordnungen weiter zerfallen und immer schwieriger zu stabilisieren sind, werden mögliche Ordnungsmächte die Herausforderungen einer Stabilisierung immer öfter als schlicht zu groß ansehen - oder sie werden noch mehr auf kurzfristige, wenig nachhaltige Lösungen setzen, die wiederum Instabilität und Unberechenbarkeit befeuern. In diesem Teufelkreis, dem Zusammenspiel von Zurückhaltung und Zerfall, sehen wir eine zentrale Ursache des heutigen geopolitischen Chaos.


Vor diesem Hintergrund gibt es leider auch wenig Hoffnung, dass es in Zukunft einfacher werden wird, Krisen vorherzusagen oder einzudämmen. Ganz im Gegenteil: Staaten und wichtige internationale Institutionen sind überwältig von einem Überfluss an Daten und in immer größerer Gefahr, die wirklich wichtigen Informationen zu übersehen oder falsch einzuschätzen. Und für Entscheidungsträger wird es zunehmend schwieriger, sich auf wenige zentrale Fragen zu konzentrieren.


Viele alte Annahmen haben sich 2014 als überholt herausgestellt. Und der Bedarf, sich darüber zu verständigen, wie wir die gegenwärtigen Krisen bewältigen und Zukünftige besser verhindern können, ist größer denn je.

 

 

Wolfgang Ischinger war Staatssekretär im Auswärtigen Amt und deutscher Botschafter in den Vereinigten Staaten. Heute ist er Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC). Adrian Oroz ist Senior Advisor for Policy and Analysis bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Dieser Beitrag beruht in Teilen auf einem Essay aus dem Munich Security Report 2015, der anlässlich der 51. Münchner Sicherheitskonferenz erschienen ist. In leicht veränderter Form erschien er auch bei Project Syndicate.

25. Februar 2015, von Wolfgang Ischinger / Adrian Oroz

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