"Eine Schande für den Westen"

Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Wolfgang Ischinger, das in Auszügen in der heutigen "Bild am Sonntag" abgedruckt wurde.

Wolfgang Ischinger, der Vorsitzende der MSC (Photo: MSC).

BamS: Zögert der Westen in Syrien vorzugehen, weil die Bilanz aus dem Afghanistan- und Irakkrieg so ernüchternd ausfällt?

 

Ischinger: Natürlich spielen die ernüchternden Erfahrungen aus Afghanistan, Irak oder Libyen eine große Rolle. Aber man sollte nie den Fehler machen, in jedem Konflikt den vorherigen Konflikt erkennen zu wollen. Für mich sieht Syrien viel mehr nach Bosnien aus als nach Afghanistan oder Irak: Durch das viel zu lange Zögern der internationalen Gemeinschaft und der Blockade des VN-Sicherheitsrats haben sich die Konfliktparteien immer stärker radikalisiert – und eine friedliche Lösung ist in immer weitere Ferne gerückt.

 

BamS: Gegen wen würde der Westen in Syrien überhaupt kämpfen?

 

Ischinger: Der Westen fliegt heute Luftangriffe gegen den IS, niemand hat westliche Bodentruppen vorgeschlagen. Den Zeitpunkt zur Beendigung des Konflikts durch eine Intervention haben wir schon vor 4 Jahren verpasst. Jetzt ist es viel zu spät dafür. Aber wir haben ökonomische Druckmittel, auch gegenüber Moskau. Wer von Anfang an bestimmte Option ausschließt, gibt unnötigerweise einen Trumpf aus der Hand. Auch deswegen sollte man die Anwendung militärischer Gewalt nie von vornherein kategorisch ausschließen.

 

BamS: Wird dort nicht längst ein Stellvertreterkrieg geführt?

 

Ischinger: Die syrische Zivilbevölkerung liegt in der Tat im Kreuzfeuer verschiedener Akteure – sie wird durch den "IS" auf der einen Seite bedroht und vom Regime und seinen Verbündeten Russland und Iran auf der anderen Seite. Die radikaleren Rebellengruppen wiederum werden unter anderem aus den Golf-Staaten unterstützt. Die moderate Opposition hingegen ist immer weiter zerrieben worden, weil sie als einzige Gruppe kaum Unterstützung erhalten hat. Der Westen hat leider jahrelang zugeschaut, wie der Konflikt sich radikalisiert hat.

 

BamS: Ist „Nichtstun“ und Wegschauen wirklich eine Alternative?

 

Ischinger: Auch wer nichts tut, kann Schuld auf sich laden. Genau das ist hier der Fall. Wir haben viel zu lange viel zu wenig getan, nämlich nichts. Dem kräftigen Ruf "Weg mit Assad", der auch in Berlin zu hören war, folgte ja keinerlei Handeln des Westens. Das ist unverantwortliche Politik. Stattdessen haben Russland und Iran auf Seiten Assads und die radikalen Islamisten und Terroristen auf der Gegenseite die Entwicklung des Konflikts in letzter Zeit immer stärker bestimmt – ganz zum Leidwesen der syrischen Zivilbevölkerung. Die ganze syrische Tragödie – viele Millionen Flüchtlinge und Hunderttausende von zivilen Opfern – ist eine Schande für den Westen und für die Werte, die wir eigentlich vertreten sollten.

 

 

Auszüge des Interviews wurden am 6. November 2016 in der "Bild am Sonntag" abgedruckt. Lesen Sie zu diesem Thema auch einen ausführlicheren Artikel von Botschafter Ischinger, der am 12. Oktober im Handelsblatt erschien.

06. November 2016, von MSC / BamS

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