Moderne Krisendiplomatie – Eindrücke aus der diplomatischen Praxis im Seminar an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Botschafter Ischinger mit den Studierenden des Seminars. Foto: Nadine Niggl.

Im Sommersemester 2009 vermittelte Botschafter Wolfgang Ischinger einer Gruppe von Studierenden am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München Eindrücke aus der Praxis moderner Krisendiplomatie. Insbesondere der hohe Praxisbezug machte für die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer den besonderen Reiz des Seminars aus. „Von dem Seminar habe ich mir vor allem einen Blick hinter die Kulissen erwartet, was voll und ganz erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen wurde“, berichtet beispielsweise Matthias Prechtl, Politikstudent im vierten Semester. Nadine Niggl pflichtet ihrem Kommilitonen bei: „Das Seminar von Herrn Ischinger war eines der Highlights für mich in diesem Semester.“
Im Verlauf des Seminars, das sich den zentralen Herausforderungen deutscher Außenpolitik seit der Vereinigung widmete, waren regelmäßig Beteiligte zu Gast, die Ihre ganz persönliche Einschätzung der jeweiligen Krisen darlegten und sich den kritischen Fragen der Studierenden stellten. Zu Beginn des Seminars referierte Vizeadmiral a.D. Ulrich Weisser über die deutsche Rolle bei der Osterweiterung der NATO. Weisser hatte als Chef des Planungsstabes von Verteidigungsminister Volker Rühe maßgeblichen Anteil an der Formulierung der deutschen NATO-Politik und konnte den Studierenden daher aus erster Hand einen Eindruck des Erweiterungsprozesses geben. Aufgrund der andauernden Krisen auf dem Balkan waren die Geschehnisse im ehemaligen Jugoslawien und die deutsche Balkan-Politik immer wieder Thema im Seminar. Zunächst machten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Bosnien-Krieg und dem anfänglichen Versagen der Diplomatie vertraut und widmeten sich den Verhandlungen in Dayton. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang insbesondere die Frage, welche Bedingungen gegeben sein müssen, um der Krisendiplomatie zum Durchbruch zu verhelfen. Die Berichte von Botschafter Ischinger, der selbst als deutscher Vertreter an den Verhandlungen in Dayton beteiligt war, fanden in den Beiträgen weiterer prominenter Gäste ihre Fortsetzung. Der österreichische Botschafter a.D. Albert Rohan, früherer Generalsekretär des österreichischen Außenministeriums und Kosovo-Unterhändler gemeinsam mit Präsident Ahtisaari, diskutierte mit den Studierenden über das Scheitern der Krisenprävention im Kosovo 1998/1999. General a.D. Klaus Naumann berichtete in einer weiteren Sitzung über die NATO-Intervention im Kosovo 1999, die so genannte Operation Allied Force, und stellte sich den Fragen der Studierenden. Der ehemalige Generalinspekteur war zu Beginn der Intervention Vorsitzender des Militärausschusses der NATO und hatte selbst einige Male persönlich mit Slobodan Milosevic verhandelt, um ein Einlenken des serbischen Präsidenten zu erwirken.
Einige Wochen später war das Kosovo erneut Thema des Seminars, das auf diese Weise gewissermaßen den Verlauf deutscher Außenpolitik der letzten zwei Jahrzehnte widerspiegelte. In der Diskussion mit Ministerialdirigentin Dr. Emily Haber, der Südosteuropa-Beauftragten des Auswärtigen Amtes, setzten sich die Seminarteilnehmerinnen und –teilnehmer mit der Statusfrage des Kosovo auseinander. Botschafter Ischinger teilte seinerseits die Eindrücke aus seiner Zeit als Vertreter der EU in der Troika, die nach Scheitern des Ahtisaari-Planes einen letzten Verhandlungsversuch unternahm, bevor das Kosovo im Februar 2008 seine Unabhängigkeit erklärte.
Einen weiteren Schwerpunkt nahmen die transatlantischen Beziehungen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ein. Die Studierenden widmeten sich dabei den Höhen und Tiefen der deutsch-amerikanischen Beziehungen, die von der „uneingeschränkten Solidarität“ nach den Terroranschlägen bis zur Krise im Vorfeld des Irak-Krieges reichten. Botschafter Ischinger konnte hier aus seinen persönlichen Erfahrungen und über die Rolle der Deutschen Botschaft insbesondere in der public diplomacy unmittelbar nach dem 11. September berichten. Ergänzend erläuterte Peter Lefkin, Senior Vice President, Government and External Affairs der Allianz of America Corporation, den Studierenden seine Sicht auf die transatlantischen Beziehungen der letzten Jahre. Die Verbesserung der transatlantischen Beziehungen in den letzten Jahren wurde insbesondere im Bereich der Verhandlungen über das iranische Atomprogramm diskutiert. Ministerialdirektor Dr. Volker Stanzel, Politischer Direktor des Auswärtigen Amtes, diskutierte mit den Studierenden über die Rolle der deutschen Diplomatie bei den multilateral koordinierten Versuchen, eine Lösung auf dem Verhandlungswege zu erreichen. „Dass wir die Möglichkeit hatten, so viele Gäste kennenzulernen, die wiederum aus dem Nähkästchen plauderten, war absolut einzigartig“, sagt Ina-Elena Kamuf, 23, die im sechsten Semester Politische Wissenschaften, Ethnologie und Völkerrecht studiert.
Am Beispiel der Entführung der Familie Wallert im Jahr 2000 setzten sich die Studierenden auch mit einer anderen Aufgabe des Auswärtigen Amtes auseinander. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Arbeit des Krisenstabes im Falle einer Entführung deutscher Staatsangehöriger. Die Fallstudie der Entführung auf den Philippinen unterstrich dabei die Problematik moderner Krisendiplomatie im Spannungsfeld zwischen Geheimverhandlungen und nahezu in Echtzeit erfolgender Berichterstattung durch die Medien.
Für einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer – wie Matthias Prechtl – bildete das Seminar auch den Anstoß, sich in Zukunft intensiv mit dem Thema zu befassen: „Meine Überlegungen, den Schwerpunkt im Hauptstudium auf Internationale Beziehungen, insbesondere Sicherheitspolitik zu legen, wurden durch das Seminar bestärkt. Mittlerweile könnte ich mir auch vorstellen, beruflich in dieser Richtung aktiv zu werden.“

16. Juli 2009, von Tobias Bunde

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