"Signal an die russische Bevölkerung"

Im "SPIEGEL"-Interview plädiert der MSC-Vorsitzende Ischinger dafür, die EU-Visumspflicht für Russen aufzuheben. "Das wäre ein wichtiges politisches Zeichen, dass wir die Menschen in Russland [...] nicht als unsere Feinde, sondern als unsere Nachbarn betrachten."

Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der MSC (Photo: MSC / Kuhlmann).

SPIEGEL: Vor ihrem Gipfel in Warschau setzt die Nato in ihrer Russlandpolitik auf Abschreckung. Ist das die richtige Strategie?


Ischinger: Ja, wenn die Nato den Russen gleichzeitig Dialog und Zusammenarbeitanbietet. Das muss neben der Abschreckungsstrategie stets die zweite Säule der Russlandpolitik sein.


SPIEGEL: Und die ist unterbelichtet, wenn wir Sie richtig verstehen?


Ischinger: Ich habe die große Sorge, dass die Spannungen zwischen Russland und dem Westen durch russische Reaktionen auf  den Nato-Gipfel weiter angeheizt werden. Deshalb darf sich der zweite Teil der Strategie nicht in wolkiger Zusammenarbeitsrhetorik erschöpfen, sondern sollte noch mehr konkrete Angebote enthalten.


SPIEGEL: Welche sollten das sein?


Ischinger: Die Sanktionen wird man erst aufheben können, wenn es zu einer Umsetzung der  Minsker Vereinbarungen kommt. Das ist durchaus im Bereich des Möglichen, aber eben noch nicht heute.Eines ist aber heute schon möglich: ein Signal an die russische Bevölkerung, dass wir sie nicht für die Spannungen haftbar machen wollen.


SPIEGEL: Und zwar?


Ischinger: Wenn es möglich ist, dass die EU die Visumpflicht für die Türken und womöglich auch für die Ukrainer aufhebt, warum dann nicht auch für die Russen? Zumindest sollte man einen ersten Schritt in diese Richtung gehen. Das wäre ein wichtiges politisches Zeichen, dass wir die Menschen in Russland und die russische Nation nicht als unsere Feinde, sondern als unsere Nachbarn betrachten.


SPIEGEL: Es wäre aber auch ein großes Geschenk für Wladimir Putin.


Ischinger: Das glaube ich nicht. Den Russen, die dann vermehrt im Westen reisen könnten, würden ja die Augen geöffnet. Sie würden erkennen, dass die vergifteten Lügen der russischen Propaganda über das dekadente  Europa nicht nur dümmlich, sondern auch falsch sind.

 

 

Das Interview erschien am 2. Juli 2016 in der Printausgabe des Magazins DER SPIEGEL.

02. Juli 2016, von MSC / SPIEGEL

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