Unsichere Zeiten für die Energiesicherheit – Bericht vom "ONS Summit" in Stavanger

Rasante Entwicklungen im Bereich der Energieversorgung und des Energieverbrauchs – von reichen Schiefergasquellen bis hin zu einem dramatischen Nachfrageanstieg in Schwellenländern – wirken sich weiterhin auf internationale Sicherheit aus. Um die jüngsten Herausforderungen zu diskutieren, haben die Münchner Sicherheitskonferenz und die Offshore Northern Seas (ONS) Foundation für ihren zweiten gemeinsamen "ONS Summit" 60 Schlüssel-Akteure vom 26. bis 27. August in Stavanger zusammengebracht.

Der ONS Summit 2018 in Stavanger (Photo: MSC / Kuhlmann).

Der diesjährige ONS Summit hatte zwei Schwerpunkte: Einerseits verändern die konkurrierenden Trends der Dekarbonisierung und der Renaissance der fossilen Brennstoffe den globalen Energiemarkt und sorgen für ein neues Maß an Ungewissheit. Andererseits kehrt der Wettbewerb zwischen Großmächten in die internationale Politik zurück und stellt eine potenzielle Quelle für Unsicherheit dar. Der Gipfel, gemeinsam veranstaltet von der MSC und der ONS Foundation, brachte über 60 hochrangige Vertreter von Regierungen, internationalen Organisationen, Militär, Wissenschaft und aus dem Energiesektor zusammen. Unter den zahlreichen hochrangigen Entscheidungsträgern waren der norwegische Minister für Erdöl und Energie Terje Søviknes, der lettische Außenminister Edgars Rinkēvičs, der libanesische Minister für Energie und Wasser Cesar Abi Khalil, der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA) Fatih Birol sowie mehrere Geschäftsführer großer internationaler Energieunternehmen.   
 
"Eine Einspeisung von Unsicherheit" 
Die Machtstruktur der Energiegepolitik ist im Wandel, waren sich die Teilnehmer bei der ersten Sitzung des Tages einig als sie "Nationale Herausforderungen auf dem globalen Energiemarkt" diskutierten. Mehrere Teilnehmer wiesen darauf hin, dass der Grad der Unsicherheit auf dem globalen Energiemarkt kaum überschätzt werden kann. Diese Unsicherheit wurde nach Ansicht der Teilnehmer vor allem durch folgende Trends hervorgerufen: die Schiefergasrevolution auf dem Gasmarkt, die vermeintliche Rückkehr der "Großmachtpolitik" und gegenseitige Abhängigkeiten mit weniger stabilen Ländern. Für viele Teilnehmer war jedoch klar, dass Energieunabhängigkeit für einzelne Länder unerreichbar ist – Interdependenz ist ein inhärentes Merkmal des globalen Energiemarktes. 
 
Die Teilnehmer diskutierten offen darüber, wie die Schiefergasrevolution die Beziehungen zwischen den USA und anderen Akteuren auf dem Energiemarkt, insbesondere im Nahen Osten, verändern könnte. Einige stellten fest, dass die USA trotz ihres Strebens nach "Energieunabhängigkeit" auf absehbare Zeit eng mit dem globalen Markt verflochten bleiben würden. Ein weiteres prominentes Thema waren Störungen der globalen Energieversorgung durch politische Instabilität in Energieversorgerstaaten. Die Teilnehmer nannten die zunehmenden politischen Turbulenzen in Venezuela und die möglichen Auswirkungen von Sanktionen gegen iranisches Öl als Phänomene, die den globalen Energiemarkt stark beeinflussen könnten und daher genau beobachtet werden müssten. Sie argumentierten, dass Staaten ihre Energieimporte diversifizieren müssten, um sich auf mögliche externe Schocks, sowohl politisch als auch wirtschaftlich, vorzubereiten.  
 
"Eine entzündliche Situation"  
Regionale Zusammenarbeit im Energiebereich kann dazu beitragen, Unsicherheiten bei der Versorgungssicherheit zu überwinden, einigten sich die Teilnehmer bei der Diskussion über "Die Geopolitik der europäischen Gasversorgung" während der zweiten Sitzung des Tages. Als größter Binnenmarkt der Welt ist die EU vielleicht der wichtigste und vielversprechendste Vorreiter für energiepolitische Zusammenarbeit. Die Teilnehmer hatten unterschiedliche Auffassungen darüber, wo die EU im Hinblick auf ihr erklärtes Ziel, sichere, erschwingliche und nachhaltige Energie für ihre Mitglieder zu erreichen, steht. Es herrschte jedoch weitgehend Einigkeit darüber, dass Europa seine Energieversorgung zu diesem Zweck weiter diversifizieren müsse. Aber an wen sollte sich der Kontinent dafür wenden – an die Vereinigten Staaten, den Nahen Osten, Afrika oder Russland? Die Möglichkeit, mehr flüssiges Erdgas (LNG) aus den Vereinigten Staaten zu importieren, stand dabei im Vordergrund. Ein Teilnehmer veranschaulichte das große Potenzial indem er darauf hinwies, dass die Hälfte des Gasverbrauchs der EU bereits mit den bestehenden 40 LNG-Terminals gedeckt werden könnte. Ein besonderer Schwerpunkt der Diskussion war die Kontroverse um das Pipeline-Projekt Nord Stream 2. Mehrere Teilnehmer betonten den potenziellen Schaden von Nord Stream 2 für Energieeinnahmen und Sicherheit in Osteuropa, andere beklagten diese Kritik als Versuch, ein "rein wirtschaftliches" Projekt zu politisieren. Vor dem Hintergrund dieser Frage erkannten die Teilnehmer die Notwendigkeit einer besseren Harmonisierung der Energiepolitik zwischen den europäischen Ländern an und einer weiteren Diversifizierung der Versorgungswege, einschließlich des Mittelmeerraums und Zentralasiens. Eine umfassende europäische Außenpolitik sollte die Risiken verringern und die Sicherheit erhöhen. Um diese Ziele zu erreichen, musste die Energiepolitik jedoch zu einem Kernbestandteil des europäischen strategischen Denkens werden.  
 
Die Diskussionen auf dem ONS Summit in Stavanger haben viele der Unsicherheiten darüber, wie mit den aktuellen und zukünftigen Trends in der globalen Energiesicherheit umzugehen ist, deutlich hervorgehoben. Die Notwendigkeit wurde unterstrichen, die Chancen und Herausforderungen der Energieinnovation und der verstärkten regionalen Zusammenarbeit in der Energiepolitik besser zu verstehen. Die Münchner Sicherheitskonferenz wird einige der in Stavanger aufgeworfenen Fragen am 31. Oktober in Minsk wieder aufgreifen und setzt ihre Veranstaltungsreihe dort mit einem Roundtable on Energy Security neben dem jährlichen MSC Core Group Meeting fort.

28. August 2018, von MSC

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