Die Münchner Sicherheitskonferenz trauert um Ewald-Heinrich von Kleist

Ewald-Heinrich von Kleist (1922-2013)

Mit dem Tod von Ewald-Heinrich von Kleist haben wir einen großen und bedeutenden Deutschen verloren.

 

Am 10. Juli 1922 auf Gut Schmenzin in Pommern geboren, schloss sich Ewald-Heinrich von Kleist als junger Wehrmachtsoffizier den Widerstandskämpfern um Graf Stauffenberg an. Nach dem missglückten Attentat des 20. Juli 1944 wurde er zunächst von der Gestapo verhaftet und im KZ Ravensbrück inhaftiert. Sein Vater, ebenfalls als Mitverschwörer angeklagt, wurde am 9. April 1945 durch das NS-Regime hingerichtet.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich Ewald-Heinrich von Kleist als Verleger in München nieder und gehörte 1952 zu den Gründungsmitgliedern der Gesellschaft für Wehrkunde.

 

Anfang der 60er Jahre zeigte sich in der Hochphase des Kalten Krieges und im Zuge der Berlin- und Kubakrisen, dass in der Bundesrepublik Deutschland ein transatlantisches Forum fehlte, in dem drängende Fragen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik außerhalb offizieller Kanäle vertrauensvoll diskutiert werden konnten.

 

Am 30. November und 1. Dezember 1963 fand daher auf Initiative von Ewald-Heinrich von Kleist die „I. Internationale Wehrkundebegegnung“ in München statt, zu deren Teilnehmern Politiker, hohe Beamte, Militärangehörige, Wissenschaftler und Publizisten gehörten. An diesem Treffen nahmen u.a. auch Henry Kissinger und der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt teil.

 

In den folgenden 35 Jahren war es Ewald-Heinrich von Kleist stets ein besonderes Anliegen, dass die Wehrkundetagung, die er später in „Konferenz für Sicherheitspolitik“ umbenannte, die jeweilig aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen reflektierte. Standen anfangs die sicherheitspolitischen Bedrohungen des Kalten Krieges und der Austausch zu politischen und militärischen Themen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland im Mittelpunkt, so öffnete sich die Konferenz später auch zunehmend neuen Themen und anderen Regionen.

 

1998 gab Ewald-Heinrich von Kleist den Vorsitz aus Altersgründen an den früheren Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt, Professor Horst Teltschik, weiter. Seit 2008 wird die Konferenz von Botschafter Wolfgang Ischinger fortgeführt.

 

Ewald-Heinrich von Kleist hat mit der Münchner Sicherheitskonferenz und ihrer Vorgängerin, der Wehrkundetagung, ein einzigartiges Forum der transatlantischen Sicherheit geschaffen, das einer steten und kritischen Erneuerung unseres Denkens über Sicherheit, Verteidigung, Krisenmanagement und Konfliktverhütung dient.

 

Sein Credo, geprägt durch die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und seines aktiven Widerstandes gegen das nationalsozialistische Regime, war, dass die Aufgabe von Sicherheitspolitik stets darin bestehen muss, Leben zu schonen und Blutvergießen zu verhindern. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn in einem Artikel zu seinem 90. Geburtstag im Juli 2012 einen „tatkräftig-pragmatischen Pazifisten“.

 

Aus Anlass des 66. Jahrestages des fehlgeschlagenen Attentats auf Adolf Hitler hielt Ewald-Heinrich von Kleist eine Rede beim Feierlichen Gelöbnis junger Soldaten vor dem Reichstagsgebäude. In diesem Rahmen griff er seine Grundüberzeugung nochmals auf: "Wir haben eine Epoche von 65 Jahren Frieden hier in Zentraleuropa gehabt. Das hat es vorher nicht gegeben. Es ist eine einmalige Glücksoase gewesen. Allerdings muss sie gepflegt werden. Es ist nicht selbstverständlich, und es ist nicht überall auf der Welt so, dass diese Oase den Menschen Frieden gibt. Frieden und Freiheit, das muss man im Zusammenhang sehen. (…) Aufgabe der Sicherheitspolitik ist es, dies zu schützen."

 

Die Münchner Sicherheitskonferenz wird das Vermächtnis von Ewald-Heinrich von Kleist fortführen und Beiträge zu Sicherheit und Frieden, zu Zusammenarbeit und Konfliktverhütung als unabhängiges internationales Dialogforum leisten.

 

Mit dem Ewald-von-Kleist-Preis der Münchner Sicherheitskonferenz zeichnen wir seit 2009 alljährlich herausragende Persönlichkeiten aus, die sich im Geist von Ewald-Heinrich von Kleist für Frieden und Konfliktbewältigung eingesetzt haben.

 

Wir werden Ewald-Heinrich von Kleist und seinem Lebenswerk stets ein ehrendes Andenken bewahren. Unsere tiefempfundene und herzliche Anteilnahme gilt seiner Frau und seiner Familie.

 

Wolfgang Ischinger

Botschafter

Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz

13. März 2013, von MSC

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